ENTWICKLUNG DER LEDERMODE FÜR DAMEN
Wie kaum ein anderes Material in der Modegeschichte steht
Leder für Modernität und Mondänität, Abenteuerlust
und Draufgängertum, aber auch für Gewalt, sexuelle
Ausschweifung und Außenseitertum. Männer trugen Leder
schon immer in irgendeiner Form. Sei es als Handschuhe, Mäntel
oder Hosen. Für Frauen in Europa galt es bis weit ins 20.
Jahrhundert als unschicklich, gegerbte Tierhaut zu tragen. Erst
Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, mit Aufkommen der Hippie
Bewegung wurde auch die Mode für Frauen freizügiger
und ließ Leder zu.
Kurz nach der Jahrhundertwende gab es bereits einige wenige Frauen,
die es den Männern bezüglich Abenteuerlust und Wagemut gleichtun
wollten. Hierzu zählten ab 1908 auch die ersten Fliegerinnen,
die sich aus praktischen Gründen lange vor anderen Frauen dazu
entschlossen, Anzüge aus Leder zu tragen. In den 30er Jahren
sah man Filmheldinnen wie Marlene Dietrich in Leder gekleidet auf
der Leinwand. Allerdings verkörperte sie damit einen Typ Frau,
der nur vereinzelt oder gar nicht in der Gesellschaft vorkam.
Während der Kriegsjahre und auch noch einige Jahre später
kreierten damalige Modemacher immer wieder einige Stücke oder
Modelle in Leder, doch wurden diese nicht von der Damenwelt angenommen.
Zum einen, weil es immer noch als rau und wenig damenhaft galt, Leder
zu tragen und zum anderen, weil durch die Gestapo mit ihren schwarzen
Ledermänteln ein Negativ-Image am Leder haftete.
Ende der 60er Jahre, als es zur Moderevolution kam und Designer für
Damen freizügige und freche Mode kreierten, wagten es Modemacher
wie Yves Saint Laurent, Leder mit in die Kollektionen zu nehmen.
Gerade im London der „Swinging Sixties“ spielte Leder
eine besondere Rolle. Es begann 1963 mit dem Profumo-Sex-Skandal,
in dessen Verlauf offensichtlich wurde, dass nicht nur der gleichnamige
Verteidigungsminister, sondern auch manch anderer Kabinettskollege
und hoher Beamte der konservativen Regierung seine Freizeit bei Prostituierten
verbrachte - und zwar mit Fesselspielen in Leder. Mit einem Schlag
war die moralische Autorität der herrschenden Oberschicht verloren.
Dies wirkte offenbar als Signal, nun seine heimlichen Genüsse
und Sehnsüchte auch als Normalbürgerin und Normalbürger
selbstbewusst zu tragen. Um diese Zeit herum entstand auch die berühmte
Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“, in der die Hauptdarstellerin
und Heldin „Emma Peel“ im schwarzen Lederoutfit Verbrecher
jagte. Leder stand somit für die Emanzipation der Frau.
In den 70er Jahren wurde Leder angesichts des Motorradbooms zunehmend
wichtiger. Das Motorrad galt als praktisches Fortbewegungsmittel und
war nicht mehr nur für Rocker und Halbstarke reserviert. Lederoutfits
waren ein vertrautes Bild auf den Strassen.
Gegen Ende der 70er Jahre setzte ein entscheidender Umschwung
ein. Das lang verpönte glänzende Nappa gelangte nach ganz
vorn in der Gunst der Modeschöpfer und des weiblichen Kaufpublikums.
Leder galt als das Material der 80er Jahre schlechthin. Über
die Ursachen für diesen Trend kann bisher nur spekuliert werden.
Wahrscheinlich ist, dass die Antimode der Punks und die davon inspirierten
Leder- und Gummioutfits der britischen Designerin Vivienne Westwood
beeinflussend wirkten. Dies kann allerdings nur für den so genannten
Edel-Punk-Look Anfang der 80er Jahre gegolten haben, denn das, was
die erste Lederwelle auf breiter Linie an Kreationen hervorbrachte,
wirkt überhaupt nicht rebellisch im Sinne der Punks.
Leder wurde als Material für hochwertige Sportswear entdeckt.
Einflüsse der Motorrad- und Skibekleidung machten sich insbesondere
bei der nun stark erweiterten Bandbreite der Farben und dem verstärkten
Einsatz von Nappaleder bemerkbar. Durch die Vermischung mit Pelzbekleidung
und kostbaren Blusen und Pullovern erhielt Leder einen Edel-Touch,
der sich in der Wahl hochwertiger, geschmeidiger Lederarten und deren
verschwenderischer Verarbeitung ausdrückte und mit dazu beitrug,
auch konservativere Kundinnen für Lederbekleidung zu gewinnen.
Und die Verwischung der Grenzen zwischen den Erscheinungsformen von
Damen- und Herren-Sportswear bewirkte, dass weitere, bislang Männern
vorbehaltene Kleidungsstücke und deren Kombinationsmöglichkeiten
Einzug in die Damenkonfektion hielten.
Auch die Pelzmode änderte sich in den 60er Jahren enorm. Galt
Pelz bisher als eher konservatives Kleidungsstück der Reichen,
gaben ihm Designer ein völlig neues Image. Mit neuen, frechen
Schnitten und in Kombination mit Lederhosen wurde der Pelz auch für
junge und moderne Frauen zum begehrten Kleidungsstück.
(Alle Angaben ohne Gewähr)
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