DAS JUWEL AM MITTELMEER - BARCELONA
Weitab von jeglichem Ballermanntourismus und Bettenburgenarchitektur
liegt Barcelona, die Hauptstadt Kataloniens. Als Touristenziel längst
erkannt und erobert, ist Barcelona ein unbedingtes Muss für jeden
Spanienreisenden – die Vielfalt und Schönheit dieser Stadt
bietet Möglichkeiten für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel.
Dabei sollten Reisende auch schon beim ersten Besuch versuchen, die
ausgetretenen Touristenpfade hin und wieder zu verlassen und auf eigene
Faust durch Barcelonas Strassen zu ziehen.
Natürlich sind die offensichtlichen Touristenattraktionen
erste sichere Anlaufstationen für den Barcelonaneuling.
Die berühmten Ramblas, die Flanierstrasse, die sich vom
Hafen zum Placa Catalunya erstreckt, sind voll von Straßenhändlern,
Straßenkünstlern und Cafés, von denen aus
man das bunte Treiben hervorragend beobachten kann. Es lädt
zum Verweilen ein – doch ist diese Strasse vermutlich
mittlerweile der Ort, an dem kaum ein Barcelonese sich noch
zum Flanieren hinbegibt – zu fest ist die Strasse in Touristenhand,
um für die lokale Bevölkerung noch einladend zu sein.
Außer zum Geldverdienen natürlich, man bekommt alle
möglichen echten und unechten Souvenirs angeboten, Nepp
und Kitsch, geschmuggelte Zigaretten, Singvögel, bellende
Stoffhunde usw. Man kann sich porträtieren und fotografieren
lassen, oder den vielen lebenden Standfiguren ein paar Münzen
spenden, oder aber einen überteuerten Kaffee einnehmen.
Sie merken schon – auf den Ramblas wird man leicht Geld
los. Auch unfreiwillig – in dem Gedränge haben Taschendiebe
leichtes Spiel.
Die Ramblas sollten also nicht das Ziel einer Barcelonareise
sein – und doch ist ihr Besuch unvermeidbar, um viele
der wunderbaren Orte aufzusuchen, die Barcelona so einzigartig
machen. Vom Hafen ausgesehen rechts ist beispielsweise das berühmte
Barrio Gotico, eines der ältesten Viertel ganz Barcelonas.
Uralte Häuser reihen sich hier aneinander in einem Gewirr
von Gassen, durchsetzt mit Art-Deco verzierten Gebäuden
(Art Deco ist die katalanische Version des Jugendstils), und
morbiden Charme ausstrahlend. Immer wieder öffnen sich
die engen Gassen und münden in kleine Plätze, oft
stehen hier eine Kirche, ein paar Bänke und das unvermeidliche
Café – man kann sich stundenlang treiben lassen,
ohne gezielt eine der vielen Sehenswürdigkeiten aufzusuchen,
die das Viertel birgt.
Doch diese sollte man auf keinen Fall außer Acht lassen
- einen Besuch der Kathedrale sollte man auf keinen Fall verpassen,
majestätisch ragt sie über dem Viertel auf, und der
Platz davor ist sonntäglich Ort einer patriotischen Demonstration:
seit Jahrzehnten finden sich hier Jung und Alt ein, um mittags
den Sardana zu tanzen, den traditionellen katalanischen Tanz.
Dies ist nicht nur reine Folklore, sondern auch der Ausdruck
des katalanischen Autonomiebestrebens, das sich aber, im Gegensatz
zum Baskenland, nicht in gewalttätiger Form äußert.
Auch, wenn dieser Tanz schon auf dem Programm vieler Reisegruppen
steht, sollte man sich dies nicht entgehen lassen. Denn die
Eleganz und der Stolz, mit denen gerade ältere Leute diese
Tradition pflegen, ist beeindruckend – und, es handelt
sich nicht um ein Touristenspektakel, sondern um genau das – eine
katalanische Tradition.
Auf der anderen Seite der Ramblas befindet sich das Barrio
Chino. Längst nicht so touristisch wie das Barrio Gotico,
wurde es oft recht stiefmütterlich behandelt – als
ehemaliges Rotlichtviertel ist dies kein Wunder, doch so langsam
zieht hier auch ein bunteres, sichereres Leben ein. Vor allem
aber ist im Barrio Chino der Palao Guell – ein Werk von
Barcelonas wohl berühmtestem Sohn, Antonio Gaudi. Der Architekt
konnte hier seine Kreativität voll ausleben, der Palast
zählt zu den schönsten Werken Gaudis. Gaudi prägte
das Stadtbild Barcelonas in vielfältiger Weise, und kein
Besuch der Stadt ist vollständig, ohne den Spuren dieses
Künstlers gefolgt zu sein.
Am bekanntesten ist natürlich die Sagrada Familia, fast
schon das Wahrzeichen der Stadt und die meistbesuchte Touristenattraktionen.
Lassen Sie sich davon nicht abschrecken – diese Kathedrale
ist ein architektonisches Wunderwerk und ein absolutes Muss,
Menschenmassen hin oder her. Der Bau der Kirche begann 1882
und war bis zum tragischen Tode Gaudis 1926 alles andere als
beendet. Lange blieb das Bauwerk halbfertig – die sieben
Haupttürme standen, und ein Teil des Kirchenschiffs, alle
wunderbar ornamental verziert, und, Gaudis Philosophie folgend,
ohne einen einzigen rechten Winkel. Nach Gaudis Tod ruhte die
Arbeit für lange Zeit – erst in den 90ern wurde wieder
weitergebaut. Die neuen Arbeiten sind nicht unumstritten: Gaudi
lies sich während seiner Arbeit oft von spontanen Eingebungen
leiten, und dieses Genie fehlt den Bauleuten heute. So sagen
viele Kritiker, dass die Vollendung der Kathedrale der Zerstörung
des Werkes gleichkommt – aber wie so oft lässt sich über
Geschmack nicht streiten und jeder sollte sich ein eigenes Bild
machen. Lohnend ist der Besuch allemal!
Weitere Werke von Gaudi sind der Park Guell, die Casa Mila
und die Casa Batillo. Die letzten beiden Gebäude befinden
sich im Viertel Eixample, zu deutsch “Beispiel” -
denn das Viertel wurde und wird als beispielhaft angesehen,
was geplante Stadterweiterungen angeht. An sechseckigen Plätzen
treffen sich immer drei Strassen, die dann in leichtem Winkel
wieder auf andere Plätze treffen, und so diesem nahezu
geschlossen im Art Deco Stil gebauten Stadtteil eine Ordnung
geben, die jedoch nicht steril ist. Wenn es sich einmal lohnt,
die Stadt zu Fuß zu erkunden (und Barcelona ist eine wunderbare
Stadt zum Spazierengehen), dann hier – die Zeit ist schnell
vergessen, ob der Schönheit und Vielfalt der Architektur.
Natürlich gibt es noch viel mehr zu entdecken, vom Stadttheater über
die Oper bis zum Miromuseum, den Olympischen Anlagen, dem Palais
von Mies van der Rohe bis zum Botanischen Garten – man
kann in einer Woche gar nicht alles entdecken und erfassen,
was diese Stadt ausmacht. Doch das ist eigentlich gar nicht
so schlimm – denn dann hat man einen Grund, immer und
immer wieder zu kommen!
(Alle Angaben ohne Gewähr)
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