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Bayern

ANDERE LÄNDER, ANDERE SITTEN – BIERGÄRTEN IN BAYERN

Zwar kennt sie jeder eigentlich aus der Bierwerbung oder auch aus Besuchen in Bayern, doch was eigentlich einen bayerischen Biergarten zu einem bayerischen Biergarten macht, wissen die wenigsten Nichtbayern – und auch bei manchen Bayern dürfte hier eine Bildungslücke herrschen.

Für alle, die außerhalb des größten Bundeslandes der Bundesrepublik leben: was hier als Biergarten bezeichnet wird, würde der kenntnisreiche Bayer wohl nicht als einen solchen durchgehen lassen. Das eindeutige Kennzeichen eines Biergartens ist nämlich, dass man an allen nicht gedeckten Tischen sein eigenes Essen mitbringen kann, oder wie der Bayer sagt, seine eigene Brotzeit. Biergärten, in denen man sein Essen nicht selbst mitbringen kann, werden meist mit einem herablassenden Ton als “koa gscheida Biergarten” bezeichnet – also als kein richtiger Biergarten. Da dies auf die meisten Biergärten außerhalb Bayerns zutrifft, kann man diese also streng genommen nicht als Biergärten bezeichnen.

In den allermeisten bayerischen Biergärten wird das Helle (oder Export, wie es anderswo heißt, z. B. Paulaner, Löwenbräu oder Spaten Hell) nur im Maßkrug ausgeschenkt, also im 1-Liter-Glas. Wie die Schreibweise schon verrät, wird die Maß im Bayerischen kurz ausgesprochen, und mit weiblichem Artikel versehen. Der Nicht-Bayer verrät sich meistens dadurch, dass er ein Maß bestellt – ein grausamer Klang im empfindsamen Bierdimpfelohr, die meist auch entsprechend kommentiert wird.

Der Akt des Bestellens variiert von Biergarten zu Biergarten: in manchen holt man sich seinen Bierkrug selber aus einem Regal und spült ihn noch mal in den bereitgestellten Wasserbecken aus, bevor man sich in die Schlange stellt. Selbstverständlich werden die Krüge gereinigt, bevor sie ins Regal kommen, doch lohnt es sich trotzdem, sie noch mal durchzuschwenken. Anderswo werden sie vom Schankpersonal bereitgestellt und befüllt.

Die Schankwirte zeichnen sich im Übrigen oft nicht durch ihr Zuvorkommen und ihren Enthusiasmus beim Ausschank aus: gerade wenn es voll ist und sich lange Schlangen bilden, kommt es vor, dass das Bier nicht richtig eingeschenkt ist, d.h. dass die goldene Flüssigkeit sich selbst, nachdem sich der Schaum etwas abgesetzt hat, gut und gerne nur 2-3 Zentimeter unter den Eichstrich heranreicht. In diesem Falle sollte man sich auf jeden Fall nachschenken lassen, da solchen Gepflogenheiten keinen Vorschub geleistet werden soll. Die schlechte Einschenkmoral der Wirte führt immer wieder zu kleinen Skandälchen, vor allem, wenn herauskommt, dass das Schankpersonal dazu angehalten wird, schlecht einzuschenken. Es geht die Geschichte, dass ein besonders geiziger Wirt es geschafft hat, auf dem Oktoberfest aus einem 100-Liter-Fass 134 Maß zu zapfen, dies schafft vermutlich so mancher Schankwirt im Biergarten auch.

Wer kein Helles mag, kann aber natürlich auch zum Weißbier greifen, dass ganz normal im Halb-Liter-Glas ausgeschenkt wird, oder sich ein Radler bestellen, eine Mischung aus Zitronenlimonade und Bier. Auch hier füllt der Gast teils selber die Limonade ein, so viel er möchte, und stellt sich dann in die Schlange um den Krug mit Bier auffüllen zu lassen. Nichtalkoholisches ist natürlich auch erhältlich, ob Spezi, Cola, Wasser oder Apfelschorle, der Durst kann gestillt werden. Für das Kulinarische gibt es meist ein Selbstbedienungsbuffet mit bayerischen Spezialitäten wie z. B. Radi, Obatzder, Schweinshaxe, Ripperl, Würstl und bayerischen Salaten, die aber oft gesalzene Preise haben. Besser ist es also, sich selbst etwas mitzubringen.

Wie aber entstanden die Biergärten eigentlich? Dem aufmerksamen Besucher wird nicht entgehen, dass die meisten Biergärten mit Kastanienbäumen bepflanzt sind. Diese haben eine breite Krone, die großzügig Schatten spendet, sehr zum Wohle des Besuchers – so könnte man denken.

Doch der Schatten war nur sekundär für Besucher gedacht: vor der Erfindung von Kühl- und Eismaschinen lagerten die Bierfässer in Kellern in der Nähe der Brauereien. Dort war es einigermaßen kalt und zusätzliche Kühlung wurde durch Eis geschaffen, das aus den Bergen geholt wurde und auf großen Holzflößen die Isar hinunter nach München und Umgebung gebracht wurde. Die Isar war damals noch auf der ganzen Strecke ein reißender Fluss (Isar heißt “hurtig”, “wild”), die Strecke konnte in einem Tag bewältigt werden. Heute benötigt ein Floß drei Tage. Die Kastanien dienten als zusätzliche Kühlung – durch den Schatten wurde direkte Sonneneinstrahlung und ein Aufheizen des Bodens verhindert, der Boden ist mit Kieselsteinen bestreut, der die Hitze zusätzlich reflektiert.

Natürlich gibt es heute auch Biergärten, die nicht an eine Brauerei angeschlossen sind, doch die größten in München, und viele in kleineren Städten, liegen immer noch ganz in der Nähe der Brauereien. Der Brauch, dass man sein eigenes Essen dort verzehren konnte, stammt daher, dass die Arbeiter in der Pause die schattigen Plätze aufsuchten, mittags ein Bier aus der Brauerei tranken und dazu ihr Mittagessen verzehrten. Auch wenn die Bierpreise mittlerweile recht gesalzen sind, sind Biergärten aufgrund der Möglichkeit, die eigene Speisekarte zu bestimmen, immer noch sehr beliebt. Man räumt einfach den Inhalt des Kühlschranks in einen Korb, packt Besteck und Geschirr ein, ein Tischtuch dazu und schon kann man auf einem der großen Biertische sein eigenes Büffet aufbauen. Studenten lernen hier für Klausuren oder feiern ausgiebig das Ende des Semesters (oft auch schon, wenn erst die Hälfte vorbei ist), Kinder vergnügen sich beim Buddeln im Kies und beim Hindernislauf über Bierbänke, während die Erwachsenen sich die eine oder andere Maß genehmigen. Der Biergarten ist schlicht und einfach eine feste Institution in Bayern. Man kann den Frühlingsbeginn hier daran festmachen, wann die ersten Biergärten nach der Winterpause ihre Pforten öffnen und der Ausschank im Freien beginnt.

Vielleicht wird durch diese Beschreibung klarer, warum es auch einen solchen Aufschrei gab, als das Verwaltungsgericht in Berlin den Schankschluss für Biergärten von 23 h auf 21 h vorverlegen wollte – an diesem althergebrachtem und ersessenem Recht lassen die Bayern nicht rütteln, wer um 21 h schon Ruhe haben will, der soll sich nicht neben einem der beliebtesten und berühmtesten Biergärten Bayerns ansiedeln. Der Schuss ging auch völlig nach hinten los – immer mehr Biergärten nützen, wenn sie nicht gerade in mitten eines Wohngebietes liegen, ein Schlupfloch in der Biergartensatzung: da der Biergarten als Teil der überdachten Gaststätte gewertet wird, kann eigentlich so lange ausgeschenkt werden, wie die Gaststätte auf hat. Wer diesen Fehler bei der Festlegung der Satzung übersehen hat oder übersehen wollte, ist nicht bekannt – die Bayern werden es der Person aber im Stillen danken...

(Alle Angaben ohne Gewähr)


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