BREMEN: ALTE HANSESTADT MIT SINN FÜR UNABHÄNGIGKEIT
Die Bremer Stadtmusikanten sollten wohl so ziemlich jedem geläufig
sein, und das Märchen ist auch das, was die meisten Menschen mit
der schönen Stadt an der Weser in Verbindung bringen. Die Geschichte
der Stadt kennen weitaus weniger Leute, und die Tatsache, dass Bremen
ein eigenes Bundesland ist, das kleinste Deutschlands, dürften
die meisten für eine Laune der Geschichte halten. Tatsächlich
ist diese Unabhängigkeit der Stadt eher einem ausgeprägten
Sinn für Selbstbestimmung zu verdanken. Diese Entwicklung begann
bereits im 12. Jahrhundert, als die altehrwürdige Handelsstadt
Bremen die südliche Nordsee beherrschte.
Wann die Stadt genau gegründet wurde, ist unklar. Man weiß,
dass Karl der Große bereits im 8. Jahrhundert der Weser in den
Norden folgte, um die dort lebenden Stämme zu christianisieren.
Etwa um diese Zeit wurde der Bischofssitz Bremen gegründet. Es
ist durchaus möglich, dass schon vorher eine Siedlung existierte,
doch deren Spuren sind (noch) nicht entdeckt worden. Von Bremen aus
nahm auch die Christianisierung der skandinavischen Länder ihren
Ausgang, wodurch Bremen stark an Bedeutung gewann.
Im 12. Jahrhundert wurde die kirchliche Vormachtstellung von Heinrich
dem Löwen in Frage gestellt, und der Kämpfer wurde zum eigentlichen
Herrscher der Stadt. Eine zivile Regierung übernahm die Leitung
Bremens, die rasch zu einem bedeutenden Handelshafen wurde. Diese
Macht wurde herausgefordert, als der Hanseatische Bund seine Aktivitäten
auf die Nordsee ausweitete. Ursprünglich operierte dieser Handelsverband
lediglich in der Ostsee, doch durch die Ausweitung wackelte Bremens
Dominanz der Nordsee. Da die Bremer nicht sehr glücklich über
diese Entwicklung waren, wurden von Bremen aus immer wieder Schiffe
des hanseatischen Bundes überfallen. Um dieser Piraterie ein
Ende zu machen und einen Krieg zu verhindern, stimmten die Stadtoberen
schließlich einer Aufnahme in den Hanseatischen Bund zu.
Die Bremer waren mit dieser Situation nicht sehr zufrieden, hätten
sie doch lieber ihre Unabhängigkeit behalten. Zwar profitieren
sie durch die Mitgliedschaft, da sie Unterstützung in ihren Kämpfen
gegen die Friesen verlangten und erhielten, sie nahmen jedoch selten
an Strafexpeditionen gegen Stämme teil, die andere Hansestädte
bedrohten. Es gab große Konflikte, die einmal sogar zum Ausschluss
der Stadt aus der Hanse führten.
Wann genau die Stadt wieder in den Verband aufgenommen wurde, ist
nicht ganz klar. Die Hanse war kein strikt organisierter Verband,
und es ist verwirrend, herauszufinden, wann welche Stadt zur Hanse
gehörte oder wann sie wieder auf eigenen Wegen unterwegs war.
Zur Hanse gehörten somit auch weit mehr Städte, als heute
den meisten geläufig ist – außer Bremen, Hamburg,
Lübeck und Rostock fallen meist keine Namen. Doch gibt es noch
weitere Städte, die sich heute Hansestadt nennen: Anklam, Greifswald,
Demmin, Stralsund und Wismar sind auch Mitglieder in diesem Club.
Früher erstreckte sich die Hanse bis ins Rheinische, aber auch
sächsische, polnische und westfälische Städte gehörten
dazu.
Wie aber kam es zu Bremens Unabhängigkeit? 1646, die Schweden
waren am Ende des 30-jährigen Krieges geschlagen, wurde die Weserstadt
zur unabhängigen Reichsstadt erklärt. Dies zog einige angenehme
Privilegien nach sich und demnach wurde dieser Status vehement verteidigt.
Nachdem das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen 1806 aufgelöst
wurde, konnte der Bürgermeister Johann Smidt die weitere Unabhängigkeit
der Stadt sichern. Dies wurde auf dem Wiener Kongress 1815, der die
Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen regelte, weiter
zementiert. Als es 1871 schließlich zur Gründung des Deutschen
Reichs kommt, setzt sich Bremen wiederum durch: der Stadt wird der
Status eines Bundeslandes mit dem Titel “Freie Hansestadt Bremen” zugeschrieben.
Auch bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde an
dieser Regelung festgehalten.
Bremen umfasst heute die Städte Bremen und die an der Wesermündung
gelegene Stadt Bremerhaven, sie liegt etwa 60 km nördlich. Bremerhaven
wurde gegründet, um einen Meereshafen zu haben, da die Weser
versandete und somit für die Handelsschiffe nicht mehr zugänglich
war. Dieser Ableger gehört seitdem, bis auf die Jahre 1939-1947,
zur Stadt Bremen dazu und wird auch von dort aus regiert. Was den
Bremerhavenern nicht immer gefällt, da sie sich oft von der großen
Schwester vernachlässigt fühlen.
Heute ist Bremen immer noch der zweitgrößte Standort für
Außenhandel nach Hamburg. Durch die Krise in der Stahlindustrie,
die große Auswirkungen auf die Werftindustrie mit ihren vielen
tausend Arbeitern hatte, versucht die Stadt, sich als High-Tech-Standort
zu profilieren und Firmen aus anderen Wirtschaftsbereichen anzuziehen.
Dazu gehört natürlich auch der Tourismus - Bremen strotzt
nur so vor Geschichte, und hat auch immer noch einen wunderbar erhaltenen
mittelalterlichen Stadtkern. Dieser wurde vor kurzem auch in den Katalog
des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Wen Seeluft und Handelsgeschichte
nicht nach Bremen lockt, der sollte doch unbedingt deshalb hinfahren – die
geschlossene Architektur ist ein schöner Anblick und sollte auch
Landratten begeistern.
(Alle Angaben ohne Gewähr)
|