FLUGHAFEN – EINE STADT IN DER STADT
Flughäfen sind meist sehr beeindruckende Gebäude riesigen
Ausmaßes, ihre langen Gänge und vielen Etagen können
oft sehr einschüchternd wirken. Auch geben sie einem das Gefühl,
dass man in einer eigenen Welt ist, eine kleine Stadt in der Stadt sozusagen – nur
dass sie zu keinem Land zu gehören scheint, nicht verwurzelt wirkt
und ein paar Regeln einfach anders sind.
Da ist zum einen die Zweiteilung eines jeden Flughafens – vor
dem Einchecken und nach dem Einchecken. Kann man vor den Schaltern
oft ein hektisches Gewusel beobachten, in dem Pässe und Tickets
gesucht werden, sich dramatische Abschiedsszenen abspielen und aufgeplatzte
Koffer wieder zugedrückt werden, scheint diese Hektik auf der
anderen Seite der Schalter wie weggeblasen zu sein.
In langen, angenehm beleuchteten Gängen flanieren Geschäftsleute
gelassen zu ihrem Gate, spielen Kinder in den Wartebereichen, schlafen
Passagiere auf Sesseln oder auch auf dem Boden, und tummeln sich Touristen
in den Duty Free Shops. Befreit von der Last des Gepäcks scheint
sich die Hektik und die Aufregung in Luft aufgelöst zu haben.
Versonnen schauen Technikfans startenden und landenden Flugzeugen
zu, während diejenigen, die gerade den Liebsten hinter der Zollkontrolle
zurückgelassen haben, oft melancholisch in die Luft starren.
Man könnte ganze Romane schreiben über die Szenen, die sich
an einem Flughafen abspielen – das Leben mit seiner Dramatik
scheint hier auf einigen tausend Quadratmetern seltsam verdichtet
und doch surreal.
Manch einer scheint den Grossteil seines Lebens auf einem Flughafen
zu verbringen. Wozu diesen noch verlassen? In großen Airports
gibt es Restaurants, Kinos, Fitnessstudios, Kneipen, Internetcafes,
Hotels und Konferenzräume, Duschen und Reinigungen, Supermärkte
und Apotheken, eine Post sowieso. Ein Flughafen hat meist 24 Stunden
geöffnet, und hat man einmal die etwas langweilige Welt vor dem
Check-In verlassen, öffnet sich eine internationale Zwischenwelt:
Scheichs in ihren Kaftanen diskutieren mit dem bleichen Geschäftsmann
im schwarzen Zweireiher, Großfamilien aus aller Herren Länder
schlagen ihr Lager in den Warteräumen auf und Backpacker studieren
ihre Reiseführer auf der Suche nach den günstigsten Jugendherbergen
an ihrem Zielort.
Währenddessen läuft hinter den Kulissen dieses Schauspiels
eine komplette Service-Maschinerie ab, die diesen Betrieb aufrechterhält.
Verborgen von den Touristen ziehen sich endlose Versorgungsgänge
durch und unter Flughafengebäuden durch, teils so groß,
dass ganze Laster hindurch fahren können. In gut versteckten
Abstellräumen finden sich Unmengen von Putzmaterial, denn bei
den vielen tausend Menschen, die täglich durch Flughäfen
geschleust werden, fallen eine große Menge Schmutz und Abfall
an. Rund um die Uhr wird geputzt und gewienert, werden Toiletten gereinigt
und Waschbecken desinfiziert. Sehr große Flughäfen haben
sogar eine eigene Müllverwertungsanlage, in denen man versucht,
den Müllmassen Herr zu werden. Nach der Sicherheit dürften
Putzkolonnen das zweitgrößte Kontingent an Personal auf
einem Flughafen stellen – und doch sind sie fast nie zu sehen,
nur die Klofrau, die auf ein bisschen Trinkgeld hofft oder der Putzmann,
der stoisch seinen Putzgerät durch die Gänge des Flughafens
schiebt.
Fast genauso unsichtbar sind die Sicherheitsvorkehrungen. Flughäfen
dürften zu den bestüberwachten Objekten in der Welt gehören,
Sicherheitskameras leuchten nahezu jeden Winkel aus und das Treiben
wird auch von Personal vor Ort beobachtet. Die Flughafenpolizei achtet
auf Taschendiebe und Schmuggler, während besonders geschulte
Sicherheitsleute versuchen, Personen zu orten, die sich auffällig
verhalten, um potentielle Terroristen oder Krawallmacher aufzuspüren.
Eine Armada von Technikern sorgt dafür, dass die Röntgengeräte
und Detektoren beim Einchecken funktionieren, aber auch, dass die
Gepäckbänder und Transportwägen immer voll einsatzfähig
sind. Fast überall steht unauffällig eine Sicherheitskraft,
die dafür sorgen soll, eventuelle Gefahren im Keim zu ersticken.
Dazu gehören vor allem herrenlose Gepäckstücke, von
der Plastiktüte bis zum Koffer. Sollten sich diese (wie meist)
als harmlos erwiesen haben, wandern sie in das flughafeneigene Fundbüro.
In diesen Sammelstellen der Vergesslichkeit findet sich so mancher
Gegenstand, der eine interessante Geschichte erzählen kann. Fehlgeleitetes
Gepäck landet hier beispielsweise, aber auch der verlorene Teddybär
oder die im Dutyfreeshop erstandenen und an der Kasse liegen gelassenen
Parfumflakons. Vor allem Koffer bergen häufig Skurrilitäten,
denen man auf die Spur kommt, wenn man sie öffnet. Dies wird
dann getan, wenn ein Gepäckstück nicht reklamiert wird oder
nicht eindeutig einem Passagier zu zuordnen ist – dann versucht
man, im Koffer bestimmte Gegenstände zu finden, die den Besitzer
identifizieren können. Manchmal scheint es dann, als ob diese
Koffer absichtlich “verloren” wurden, aus welchen Gründen
auch immer: hat der untreue Ehemann die Befürchtung, in seinem
Koffer befänden sich prekäre Kleidungsstücke, die auf
seine Liebelei während der Geschäftsreise hinweisen? Möchte
sich jemand ungeliebter Geschenke entledigen, die einem die Eltern
zum Abschied in den Koffer gelegt haben? Welches Schicksal mag den
Besitzer des Koffers ereilt haben, in dem sich elegante und teure
Kleidung befindet? Warum fordert er dieses Gepäckstück nicht
zurück? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn es darum
geht, die Geschichte eines Koffers nach zu vollziehen, der in den
Katakomben einen falschen Abzweig genommen hat und oft nach langer
Reise im Fundbüro landet.
Schade eigentlich, dass man, um hinter die Check-In-Barriere eines
Flughafens zu gelangen, ein Ticket haben muss – es könnte
ein angenehmer und spannender Zeitvertreib sein, mal einen ganzen
Tag das Treiben zu beobachten, ohne verschlafen auf einen Anschlussflug
zu warten oder sich zu ärgern, weil der Flug Verspätung
hat. Sollte Ihnen dies einmal passieren – nehmen Sie es doch
einfach gelassen und beobachten Sie das bunte Treiben auf diesem Treffpunkt
der Kulturen!
(Alle Angaben ohne Gewähr)
|